Ökofeminismus
Eine Vision für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit


Was hat Feminismus mit Nachhaltigkeit zu tun? Genau dieser Frage widmet sich der Ökofeminismus. In einer Welt, die mit Umweltkatastrophen und sozialer Ungleichheit ringt, bietet der Ökofeminismus eine radikale, aber notwendige Ansicht auf die Verbindung zwischen der Ausbeutung von Frauen und der Natur. Aber was genau bedeutet das?

Der Ökofeminismus entstand in den 1970er-Jahren, inspiriert von den Kämpfen gegen Umweltzerstörung und für Frauenrechte. Er zeigt auf, dass dieselben patriarchalen Strukturen, die Frauen unterdrücken, auch die Natur ausbeuten. Pionierinnen wie Maria Mies argumentieren, dass Kapitalismus Frauen und natürliche Ressourcen gleichermaßen als kostenlose Arbeitskräfte und Rohstoffe behandelt – die Care-Arbeit, die größtenteils von Frauen geleistet wird, wird als endlose und selbstverständliche Ressource angesehen. Ökofeminismus ruft dazu auf, diese Strukturen zu hinterfragen und Alternativen zu schaffen, in denen nicht Wirtschaftswachstum, sondern soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zentrale Werte sind. (Bauhardt, 2012)

1992 tagten gleichzeitig die United Nations Conference (im Rahmen des Erdgipfels) und der Kongress der Frauen unter dem Namen Planeta Femea. Während der UN-Gipfel nach wie vor der Logik der Modernisierung folgte und auf ökonomisches Wachstum und technischen Fortschritt setzte, sahen die Frauen des Planeta Femea die Gründe für nicht-nachhaltiges Wachstum in riesigen Militärausgaben, der Entmächtigung der lokalen Bevölkerung und ungerechten Handelsbedingungen. Dieser Gegensatz verdeutlicht die Dualität zwischen einer männlich geprägten Wachstumslogik und einer ganzheitlicheren Perspektive, die soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung betont. Hält man sich vor Augen, dass feministischen Akteurinnen diese Verknüpfungen bereits vor über 30 Jahren bewusst waren, so erscheinen heutige Vorwürfe der Utopie oder Irrelevanz ökofeministischer Ideen beinahe absurd. (Bauhardt, 2012)

Ökofeminismus stößt weltweit auf viel Kritik. Eine der größten Herausforderungen ist der Vorwurf des Essenzialismus – die Annahme, dass Frauen eine besondere Verbindung zur Umwelt haben, nur weil sie gebären können. Denkerinnen wie Greta Gaard betonen, dass Geschlechterrollen und unser Verständnis von Natur soziale Konstruktionen sind. Sie warnen davor, Stereotypen zu reproduzieren, statt sie aufzubrechen. (Gaard, 2017)

Der Ökofeminismus hat sich aber weiterentwickelt – mit Queer Ecologies. Dieses Konzept stellt traditionelle Vorstellungen von Natur und Geschlecht auf den Kopf. Homosexuelle und nicht-binäre Verhaltensweisen werden in der Tierwelt oft ignoriert oder falsch interpretiert, um die vorherrschenden Geschlechternormen aufrechtzuerhalten. (Bauhardt, 2012) In der Natur findet man zahlreiche homosexuelle und nicht-binäre Verhaltensweisen: Laut Peta Deutschland sind 90 Prozent des beobachteten Sexualkontakts von Giraffen homosexuell, um eines von vielen Beispielen zu nennen. (PETA Deutschland, ??) Warum definieren wir also Heterosexualität in der westlichen Kultur als „Norm“, wenn die Natur selbst so vielfältig ist? In Bezug auf Ökofeminismus bringen Queer Ecologies die benötigte Inklusivität in Umweltdebatten ein und helfen dabei, sich von traditionellen Geschlechternormen loszulösen (z.B. Frau = Reproduktion = Nähe zur Natur, Mann = Kapitalismus/Wirtschaftswachstum).

Wie können diese Ideen unser Leben und unsere Gesellschaft konkret beeinflussen? 

Klimabewegungen sollten sich auch für die Anerkennung und faire Bezahlung von Care-Arbeit einsetzen – nachhaltige Entwicklung beginnt dort, wo Care-Arbeit wertgeschätzt wird. Bildungseinrichtungen sollten Queer Ecologies und ökofeministische Theorien in den Lehrplan integrieren, um kritisches Denken und soziale Verantwortung zu stärken.

Wenn wir beginnen, soziale Gerechtigkeit mit Umweltfragen zu verknüpfen und Care-Arbeit nicht mehr als selbstverständlich ansehen, gestalten wir eine Welt, die lebenswert bleibt. Der Sinn des Ökofeminismus liegt darin, die Verbindung von Mensch und Natur neu zu denken und alte Machtstrukturen aufzubrechen. Insgesamt wird es wohl trotz der Dringlichkeit des Themas noch viel Zeit brauchen, bis sich politische Akteur:innen von der kapitalistischen Produktionsweise abwenden und sich mit  der Gleichstellung von Care-Arbeit und anderen entlohnten Tätigkeiten beschäftigen – falls sie das jemals tun werden.

 

Quellen:

Gaard, Greta. (2017) Critical ecofeminism. Lexington Books

Bauhardt, C.., (2012) „Feministische Ökonomie, Ökofeminismus und Queer Ecologies–feministisch-materialistische Perspektiven auf gesellschaftliche Naturverhältnisse.“ gender… politik… online.

PETA Deutschland e.V. (o. D.). Homosexuelle Tiere – Gleichgeschlechtliches Verhalten ist natürlich.

Ylvie Sündhofer

Studiert Sozialwirtschaft

office@vsstoe-linz.at

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