Alte Bräuche, neue Herausforderungen
Ist die Kritik an österreichischen Bräuchen gerechtfertigt?

 

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind auf Erden nieder, sondern entflammen auch die hitzigen Diskussionen über den Umgang mit traditionellen Festen und Bräuchen wie Nikolaus und Sankt Martin. Schlagzeilen wie „Heiliger Martin wird für den Mondbären geopfert“ oder „Nikolo-Verbot an Kindergärten in NÖ“ lassen Emotionen hochkochen, die tief mit nostalgischen Erinnerungen und kultureller Identität verknüpft sind. Solche Aufmacher suggerieren, dass religiöse oder traditionelle Werte systematisch verdrängt würden – oft durch „linke Ideologien“ oder eine falsch verstandene politische Korrektheit. Dabei wird übersehen, dass Traditionen sich immer schon gewandelt haben, um ihre Relevanz zu bewahren. Das Martinsfest beispielsweise war historisch ein katholisches Ereignis, das erst durch Reformen und neue Kontexte zum beliebten Kinderfest mit Laternenumzügen wurde.

Es geht nicht um die Abschaffung der traditionellen Feste, sondern um eine kritische Auseinandersetzung damit. In manchen Schulen wurden religiöse Bezüge bei Festen zugunsten inklusiver Symbole abgeschwächt, um auch Kinder aus nicht-christlichen Familien einzubinden. Dies bedeutet jedoch keinen „Kampf gegen österreichische Traditionen“, sondern vielmehr einen Versuch, die Feste offener und zugänglicher zu gestalten sowie ihre Botschaften – wie Nächstenliebe und Zusammenhalt – auf breitere Gesellschaftsschichten anzuwenden und zu modernisieren.

Die hitzigen Reaktionen entstehen durch eine emotionale Bindung an die Bräuche und aus der Angst vor kulturellem Verlust heraus. Der Martinstag beispielsweise hat mit seiner Symbolik des Teilens und Helfens eine universelle Botschaft, die unabhängig von ihrer religiösen Grundlage von Bedeutung ist. Genauso wie der Nikolaustag, der Großzügigkeit und Mitgefühl zelebrieren soll. Veränderungen und Diskussionen spiegeln gesellschaftliche Dynamiken wider, die eine moderne, pluralistische Gesellschaft erfordern. Statt in Schreckensszenarien zu verharren, können diese Debatten dazu beitragen, Traditionen für kommende Generationen neu zu beleben – ohne ihren Kern zu verlieren. Statt Alarm zu schlagen, sollte die Frage lauten: Wie können wir diese Feste so gestalten, dass ihre Botschaften möglichst viele Menschen erreichen? Denn alle Jahre wieder erinnern sie uns an die Bedeutung davon Freude zu teilen und Gemeinschaft zu stärken.

Daran anknüpfend, dass oft über kulturelle Anpassungen und religiöse Neutralität diskutiert wird, stehen andere Bräuche wie Perchten- und Krampusläufe im Schatten der öffentlichen Debatte. Veranstaltungen, bei denen maskierte, furchteinflößende Gestalten durch die Straßen ziehen, haben sich in vielen Regionen zu einem Spektakel entwickelt. Ursprünglich galten die Läufe als Ritual, um den Winter zu vertreiben, doch in der modernen Praxis sind sie zum Teil Freiraum für unangemessenes und aggressives Verhalten geworden. Ein zentrales Problem ist die Anonymität, die die Teilnehmer:innen durch ihre Verkleidungen genießen. Diese schützt nicht nur ihre Identität, sondern erschwert auch das Nachverfolgen der Übergriffe. Besonders Frauen* berichten immer wieder von unangenehmen und aggressiven Erfahrungen – Belästigungen, körperliche Angriff und Einschüchterungsversuche – die von den Tätern als „Spaß“ oder „Tradition“ kleingeredet werden. Dabei verstärkt Alkohol häufig die Hemmungslosigkeit vieler Teilnehmer. Es fehlt an klaren Regeln, die eine Grenze zwischen Brauchtum und inakzeptablem Verhalten ziehen. Hinzu kommt, dass Veranstalter:innen oft unzureichend auf Beschwerden reagieren, was den Eindruck vermittelt, dass Tradition über Schutz gestellt wird.

Wer nun noch immer findet, dass Kritik an Brauchtum und Tradition übertrieben ist, dem sei geraten, aktuelle Schlagzeilen zu betrachten. Zahlreiche Fälle der Körperverletzung bei Perchten-und Krampusläufen zeigen das Gewaltpotenzial dieser Bräuche, in denen sich patriarchale Strukturen widerspiegeln. Das zeigt sich auch in den schockierenden Berichten über Traditionen wie dem Klaasohm-Brauch auf der Nordseeinsel Borkum, bei dem am 5. Dezember Gewalt gegen Frauen gefeiert wird. Wenn Traditionen dazu dienen, Gewalt zu verharmlosen, müssen wir uns fragen, ob es nicht besser ist, diese Bräuche zu verändern oder gänzlich abzuschaffen. 

Traditionen können und sollen sich weiterentwickeln – das gilt für den Martinstag ebenso wie für Perchtenläufe. Es liegt an uns, sie so zu gestalten, dass sie für alle Beteiligten ein positives Erlebnis darstellen, ohne dabei mögliche Probleme oder Gefahren zu ignorieren.

Ylvie Sündhofe

Studiert Sozialwirtschaft

office@vsstoe-linz.at

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