Studieren in Zeiten der Teuerung: Warum soziale Absicherung mehr als ein Schlagwort ist

Die Inflation hat in Österreich ein Gesicht bekommen: Studierende, die zwischen Miete, Lebensmittelpreisen und Studiengebühren zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Was früher als knapp galt, ist heute existenzbedrohend. Studieren ist längst kein Privileg mehr, sondern ein Balanceakt zwischen Bildung, Arbeit und Überleben. Während die Pensionist:innen über eine sozial gestaffelte Pensionserhöhung beschweren, fragen sich viele Studierende, wie sie am Monatsende den Kühlschrank füllen sollen.

Die Studierenden unter der Armutsgefärdungsgrenze

Ein Studium in Österreich kostet laut aktuellen Berechnungen zwischen 1.100 € und 1.300 € pro Monat, abhängig vom Wohnort und Lebensstil. Miete und Betriebskosten machen dabei den größten Teil. Dazu kommen die Ausgaben für Nahrungsmittel, für Öffis, und für Lernmaterialien, Kleidung oder Freizeit. Der ÖH-Beitrag von 25,10€ mag klein erscheinen, doch summiert er sich auch noch zu unseren Ausgaben als Studierende.

Mit einem Nebenjob im Handel oder in der Gastronomie, wo Studierende meist 12–14 € brutto pro Stunde verdienen, lassen sich diese Fixkosten kaum decken. Viele müssen während des Semesters mehr als zwanzig Stunden wöchentlich arbeiten und laufen Gefahr, ihr Studium zu vernachlässigen oder gar ganz abzubrechen. An der JKU ist das besonders hoch – es arbeiten etwa 70% der Studierenden und im Durchschnitt 21 Stunden.

Studienfinanzierung oder Lotterie?

Die Studienförderung und Beihilfensysteme wirken wie aus einer anderen Zeit. Nur etwa ein Drittel der Studierenden erhält Studienbeihilfe, deren durchschnittliche Höhe bei knapp 340 € pro Monat liegt. Selbst mit Idealbedingungen reicht das selten für Miete und Essen. Auch Wohnbeihilfen oder Heizkostenzuschüsse sind meist regional unterschiedlich geregelt und schwer zu beantragen und außerdem wenig Inflationsangepasst.

Trotz wachsender Teuerung werden viele Kriterien – etwa Altersgrenzen oder Antragsfristen – kaum angepasst. Ein:e 27-jährige Masterstudent:in ist laut Gesetz oft „zu alt“, um noch sozial abgesichert zu werden. Dabei trifft gerade diese Gruppe die Teuerung besonders hart: längere Studienzeiten, späterer Studienstart, weniger Unterstützung aus dem Elternhaus, und häufig kein Anspruch auf Familienbeihilfe mehr.

Bildung für alle?

Der Mythos vom „Studieren für alle“ bricht unter der Last ökonomischer Realitäten zusammen. An Universitäten wird das sichtbar: Das akademische Jahr 2025 startet mit Rekordzahlen an Studierenden, die auf Sozialmärkte und Suppenküchen angewiesen sind. Gleichzeitig steigen Studiengebühren an privaten Einrichtungen weiter, und auch öffentliche Unis fordern wieder häufiger die 363,36 € pro Semester für Studierende, die die Regelstudienzeit überschreiten.

Wer aus bildungsfernen Familien stammt, erlebt die doppelte Hürde. Ohne finanzielle Sicherheit bedeutet ein Studium nicht nur intellektuellen, sondern sozialen Aufstieg. Und der wird immer steiniger.

Zwischen Existenzunsicherheit und Leistungsdruck

Die Inflation trifft nicht nur das Portemonnaie, sondern auch die Psyche. Viele Studierende berichten von chronischem Stress, Schlafproblemen und Schuldgefühlen, wenn sie sich einen Kaffee in der Mensa gönnen. Wer mehrere Nebenjobs jongliert, kann selten gleichermaßen inhaltlich leisten. Trotzdem bleibt der Druck unverändert hoch: Die Studienzeit läuft gnadenlos, Stipendien verlangen Bestnoten, und Prüfungen sortieren gnadenlos aus.

Diese systemische Vernachlässigung führt zu einer gefährlichen Entwicklung: Bildung wird wieder elitär. Zugang haben jene, die Unterstützung zuhause oder ein finanzielles Polster haben. Der Rest kämpft darum, nicht wegzurutschen.

Soziale Absicherung als Verpflichtung, nicht Option

Soziale Absicherung muss mehr bedeuten als einmalige Bonuszahlungen oder symbolische Gutscheine. Sie ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Bildung überhaupt demokratisch bleibt. Das bedeutet im Konkreten:

  • Erhöhung der Studienbeihilfe im Verhältnis zu den tatsächlichen Lebenshaltungskosten
  • Automatische Valorisierung sozialer Leistungen an die Inflation
  • Leichter Zugang zu Wohn- und Heizkostenzuschüssen für Studierende
  • Ausbau staatlicher Unterstützungsfonds, etwa für psychische Gesundheit oder Notlagenfonds

Diese Forderungen sind nicht utopisch, sondern notwendig. Denn während die Politik in OÖ auf Wirtschaftswachstum setzt, vergessen sie, dass Bildung selbst ein Motor dieses Wachstums ist – und dass dieser Motor nur läuft, wenn Studierende nicht zwischen Konsumverzicht und Erschöpfung verharren.

Solidarität als gelebte Praxis

Was bleibt, ist Solidarität – untereinander, in den Hochschulen und in der Gesellschaft. Organisationen wie der VSStÖ oder die ÖH leisten hier zentrale Arbeit: durch Sozialfonds, Rechtsberatung, kostenlose Psycholog:innenangebote und politische Kampagnen. Doch sie können auf Dauer nicht die Lücken stopfen, die der Staat offen lässt.

Studierende haben mehr verdient als Durchhalteparolen. Sie brauchen Sicherheit, nicht nur Worte. Denn soziale Absicherung ist kein Schlagwort – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Bildung kein Privileg bleibt, sondern ein Recht für alle.

Markus Frandl

ÖH JKU Vorsitz und Uni Sprecher VSStÖ Linz

office@vsstoe-linz.at

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1.stv. Vorsitzende ÖH JKU

office@vsstoe-linz.at

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