Feministisches Wahlprogramm

„Frauen, die nichts fordern werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“

- Simone de Beauvoir

Wir als VSStÖ kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt leben können. Nicht der sozioökonomischer Background oder das Geschlecht sollen bestimmen, welche Chancen du im Leben hast.


Alle unsere politischen Forderungen - egal ob hochschul- oder gesellschaftspolitisch - entsprechen einer feministischen Weltanschauung. Im folgenden Programm finden sich konkrete feministische, hochschulspezifische Strategien und Forderungen um der Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts entgegenzuwirken.

Frauen* sind an den Hochschulen deutlich unterrepräsentiert. Trotz langer Kämpfe möglichst viele Frauen* an die österreichische Hochschulen und in Wissenschaft zu bringen, wurden erst seit diesem Jahr österreichweit 30% der Professorinnen Stellen weiblich besetzt. (Quelle: Gleichstellung in Zahlen, abgerufen: 04.03.19)


Heute sind die Hälfte aller Studienanfänger_innen  weiblich und dennoch können Frauen* keine gleichberechtigte Hochschule erleben und erhalten im Studium und danach nicht die gleichen Chancen, wie die männlichen Kollegen*.


Vor allem Frauen*, die von verschiedenen Diskriminierungsebenen betroffen sind, wie Religion, Nationalität, Sexualität, bekommen diese Chancenungleichheit besonders stark zu spüren.   


Für eine ganzheitliche Geschlechtergleichstellung fehlen noch immer die notwendigen Strukturen an den österreichischen Hochschulen!


Sexualisierte Gewalt und unsensibler Umgang mit Geschlechterrollen in Lehre und Forschung, zu wenige Anlaufstellen und teilweise nicht existente Frauen*förderung sind an den österreichischen Hochschulen noch immer Alltag.


Wir kämpfen für eine Hochschule frei von Unterdrückung und Diskriminierung. Hier findest du unsere Vorschläge und Forderungen.


Infobox

Studierenden-Sozialerhebung (2015): Der Bericht „Zur Situation von Studentinnen”


Geschlechtsspezifische Fächerwahl:

Frauen wählen häufiger überfüllte Fächer, damit verbundene Erschwernisse sind eine geringere Studienzufriedenheit, eine häufigere Stressbelastung, psychische Probleme und Zeitverlust im Studium.


Studienübergänge:

Frauen nehmen seltener als Männer ein weiterführendes Studium (Master, Doktor) auf.  An Fachhochschulen ist der Übertrittsgap im Vergleich zu Männern mit -25% besonders hoch, an Universitäten liegt dieser bei -8%.


Gender Pay Gap:

Erwerbstätige Studentinnen verdienen bis zu 10% weniger pro Arbeitsstunde. In den Sozialwissenschaften besteht ein unbegründetes Residuum, das weder auf Alter, Studium noch auf sonstige Unterschiede zurückzuführen ist


Finanzielle Situation:

Das monatliche Gesamtbudget von Frauen ist im Schnitt um rund € 80,– niedriger als bei Männern. Die familiäre Unterstützung läuft zudem früher als bei Männern aus und die Familienbeihilfe wird seltener als bei Männern weitergegeben.

Antisexismus muss (in der Gestaltung der Lehre) Praxis werden!

Sexuelle Belästigung und weitere diskriminierende Übergriffe sind in unserer Gesellschaft ein weitreichendes Problem. Eine Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien verdeutlicht diesen Umstand sehr drastisch: Drei Viertel der Frauen (74,2%) und ein Viertel der Männer (27,2%) wurden im Erwachsenenalter schon einmal belästigt. Dies zeigt einmal mehr: Die Hochschule ist kein von der Gesellschaft abgetrennter Raum.


Übergriffe an Hochschule reichen von anzüglichen Kommentaren in Lehrveranstaltungen und sexistischen Sprüchen über unerwünschte Telefonate/Nachrichten/E-Mails bis hin zu körperlichen Übergriffen wie einem Klaps auf den Hintern. Solche Erlebnisse prägen die Laufbahn vieler Studentinnen*.

Von den Lehrenden an den Hochschulen sollte sich  Sensibilität gegenüber gewissen Themen erwartet werden dürfen. Kritische Hochschule bedeutet für uns auch, dass Lehrende ihr eigenes Verhalten, ihre Aussagen und ihre Didaktik in Lehrveranstaltungen kritisch und selbstreflektiert hinterfragen können.


An den wissenschaftlichen Bereich wird auch der Anspruch gestellt, gesellschaftliche Probleme zu erkennen und zu lösen, nicht aber diese zu reproduzieren. Damit sexistische Bemerkungen und demütigende Übergriffe aus dem Hochschulalltag verbannt werden, braucht es Strukturen, die Sexismus und weiteren Diskriminierungsformen entgegenwirken.


Durch Sensibilisierungskurse und Workshops können Thematiken wie Geschlechtervielfalt  und Gleichberechtigung ins Bewusstsein der Lehrenden, sowie dem allgemeinen Hochschulpersonal gebracht werden. Antisexismus muss auch in der Gestaltung der Lehre Praxis werden!


Genauso fordern wir die Integration des Themas Geschlechtergerechtigkeit in die LV- Evaluierungen, die eine Erhöhung des Gender Bewusstseins unter Lehrenden und Studierenden zum Ziel haben soll.

Wir wollen mehr:

  • verpflichtende Sensibilisierungsschulungen für Lehrende und allgemeines universitäres Personal
  • Weitreichende Konsequenzen für Personen die sexualisierte und diskriminierende Übergriffe begehen
  • besonderes Augenmerk auf geschlechtersensible Lehrmethoden in LV-Evaluierung

Anlaufstelle für Gleichbehandlungsfragen an jeder Hochschule!

Diskriminierungsformen machen auch vor den Türen der Hochschulen keinen halt. Es liegt in der Verantwortung der Hochschule, von Gewalt und Diskriminierung Betroffenen Hilfe und Unterstützung zu geben. An öffentlichen Universitäten sollte diese Unterstützung der gesetzlich verankerte Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen (AKG) liefern. Oft ist es jedoch ein schweres Unterfangen, mit diesem in Kontakt zu treten. Nur wenige Studierende wissen, dass es diese Anlaufstelle überhaupt gibt. Besonders alarmierend ist die Situation für von Gewalt und Diskriminierung Betroffene an Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen  und Privatuniversitäten, denn hier muss gesetzlich kein Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen eingerichtet werden. Wir sind der Meinung, dass sich diese Situation schnell ändern muss. Wir Student_innen dürfen nicht von der Willkür der Hochschulen abhängig sein, wenn es zu sexualisierter Gewalt oder Diskriminierung kommt, deshalb fordern wir die Einführung eines Arbeitskreises für Gleichbehandlung an jeder Hochschule.

Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen (AKG) §42 Abs 1 UG

Der Senat jeder Universität hat einen Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen einzurichten. In Fällen von Diskriminierung, was auch verbale Entmutigung oder sexuelle Belästigung einschließt, bietet der Arbeitskreis Student_innen und Mitarbeiter_innen der jeweiligen Universität, Information, vertrauliche Beratung und Begleitung an.

Fakten zum AKG, die im allgemeinen Universitätsgesetz festgelegt sind:

  • Die Mitglieder des AKG sind an keine Weisungen gebunden
  • Wenn Grund zu Annahmen einer Diskriminierung besteht, kann der AKG eine Schiedskommission einberufen und
  • Der AKG muss auch mind. 50% Frauen* bestehen
  • Diverse Einrede- und Beschwerderechte bei der Besetzung von Universitätsstellen
  • Der AKG muss dem Universitätsrat und dem Rektorat jährlich einen Tätigkeitsbericht übermitteln.


Unsere Kritik:

  • Regelungen gelten nicht für alle Hochschultypen, sondern nur für Universitäten
  • Kompetenzen und Maßnahmen die eingeleitet werden können, sind nicht weitreichend genug
  • Der AKG ist als Anlaufstelle nicht sichtbar


Neben der fehlenden Information über die AKG´s ist ein weiteres Problem, dass dieses Gremium in der Ausübung seiner Pflichten nicht mit den notwendigen Kompetenzen ausgestattet ist: Es besteht keine Rechenschaftspflicht und auch die Beschickung ist mehr als undurchsichtig. Deshalb fordern wir eine Erweiterung seiner Kompetenzen und weiters ein Durchgriffsrecht bei jeglicher Art der Diskriminierung und sexualisierter Gewalt.


Auch die ÖH als deine Interessensvertretung kann als Anlaufstelle dienen, wenn es zu sexualisierter Gewalt oder Sexismus von Seiten der Lehrenden kommt. Wir setzen uns für eine feministische und antisexistische Hochschule ein. Aus diesem Grund wird es auf jeder Vertretungsebene, an der wir als VSStÖ mitarbeiten, ein feministisches Referat geben, dass sich mit all diesen Themen auseinandersetzt und als Anlaufstelle dient.

Wir wollen mehr:

  • eine Anlaufstelle für Gleichbehandlungsfragen an jeder österreichischen Hochschule

  • verpflichtende regelmäßige, öffentliche Berichte der Anlaufstelle

  • verstärkte Sichtbarmachung dieses Gremiums, um die Bekanntheit unter den Studierenden zu fördern

Förderung von Jungwissenschafterinnen*!

Während mittlerweile mehr Frauen* als Männer* studieren und es auch mehr weibliche* als männliche* Hochschulabsolvent_innen gibt,  ist der Frauen*anteil in wissenschaftlichen Spitzenpositionen verschwindend gering.


Ein großes Problem an den Hochschulen ist die so genannte "leaky pipeline", die das Phänomen des stetig absinkenden Frauen*anteils beschreibt, je höher die Position ist, um die es sich handelt.

Was ist die Leaky Pipeline?

Mit dem Begriff der ‚Leaky Pipeline‘ wird der in der Wissenschaft absinkende Frauen*anteil auf den verschiedenen Qualifizierungsebenen und Karrierestufen bezeichnet. In vielen Fachbereichen ist trotz zunehmend höherer Bildungsabschlüsse von Frauen*, Frauen*förderplänen, Gleichstellungspolitiken, Gender Mainstreaming und gezielter Angebote im MINT-Bereich nach wie vor eine fortbestehende strukturelle Ungleichheit vorhanden.

Quelle: BMBWF 2018: Gleichstellung in Wissenschaft und Forschung


Forschung und Wissenschaft bleiben eine Männerdomäne.

30 Prozent der Wissenschafter_innen und  Forscher_innen in Österreich sind weiblich - Österreich liegt damit unter dem EU Durchschnitt.


An den Hochschulen steigt der Professorinnenanteil nur langsam von 23% (2015) auf  31% (2018, APA) und es gibt weiterhin große Unterschiede zwischen den Hochschule österreichweit und innerhalb Fachrichtungen. Auch die Laufbahnstellen für Nachwuchsforscher werden nur zu einem Drittel mit Frauen besetzt.


Noch immer gibt es zu wenige Mittel, um die schwierigen Übergangsphasen in der wissenschaftlichen Laufbahn, wie etwa nach dem ersten Studienabschluss, der Bewerbung für ein weiteres Studium, sowie die Rückkehr von Karenz, auszugleichen und entgegen zu wirken. Wir fordern daher einen Ausbau der Stipendien- Programme und Förderungen- wie den Ausbau von Tenure - Track-Stellen - die zum Abbau von genderbedingten Karrierehürden in der Wissenschaft beitragen.


Was ist das Venue-Track?

Das Tenure-Track, ist ein Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und soll dazu beitragen, dass die Karrierewege in der akademischen Welt planbarer, flexibler und transparenter werden.Tenure-Track bedeutet hierbei die Chance, nach einer befristeten Lehrstelle eine ordentliche Professur zu erhalten. Diese Maßnahmen können vor allem Frauen zugute kommen, insbesondere wenn Quoten und spezifische Förderungmaßnahmen mit Tenure- Track einhergehen.


In der Österreichischen Hochschüler_innenschaft  wollen wir eine Datenbank aufbauen, in der junge Wissenschaftler_innen einen Überblick über vorhandene Stipendien und Förderungen für wissenschaftliche Arbeiten bekommen und sich informieren können. Ein besonderer Fokus soll darauf liegen, junge Frauen* als Wissenschaftlerinnen* zu fördern.

Wir wollen mehr:

  • Einen Ausbau Tenure-track-Stellen
  • Verbindlichkeit von Frauen*förderungsplänen für alle Hochschulen
  • Stipendiendatenbank zur Förderung junger Wissenschaftlerinnen*