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Internationaler Anti-Diättag

Wer sagt hier ich bin dick?

Unser Schönheitsideal hat sich im Laufe der Geschichte stets gewandelt. Angefangen von der voluminösen Venus von Willendorf, über antike, schlanke Schönheiten hin zu den üppigen Hofdamen des katholischen Barocks. Mal dick und kurvig, mal gertenschlank und androgyn: der gesellschaftliche „Idealkörper“ unterlag ständiger Veränderung. Aber wer bestimmt in unsere Gesellschaft eigentlich was als „schön“ oder „normal“ gilt?

Vom Ideal zur Norm?

Fakt ist, dass der Kampf um das „körperliche Ideale“ auch stets ein Kampf um gesellschaftliche Anschauungen und Ideologien ist. Im Barock galten üppige, ausladende Körper als schön und erstrebenswert. Nach der entbehrlichen Zeit der Reformation samt 30-Jährigem Krieg, fokussierten sich die Menschen insbesondere der Adel auf das hier uns jetzt. Es galt: Lebe so, als ob es dein letzter Tag auf Erden wäre. Es war die Zeit des Absolutismus, des Überfluss und auch der Verschwendung. Das musste auch dem jeweiligen Körper angesehen werden. Wer es sich leisten konnte und wollte setzte – überspitzt formuliert – neben vielen Ringen um die Finger auch auf einige Ringe rund um Bauch und Hüften.

Reiß dich einfach zusammen!

Heute werden unsere Körper mit den Augen einer neoliberalen Leistungs- und Optimierungslogik betrachtet. Du bist was du isst, Dicksein als Folge mangelnder Selbstbeherrschung, Fettleibigkeit aufgrund von Faulheit. Das Äußere des Menschen wird als weiße, unbeschriebene Leinwand, als „tabula rasa“, verstanden, die beliebig geformt und umgestaltet werden kann. Der eigene von der Natur gegebene Körper samt seiner individuellen, genetischen Eigenheiten wird dadurch gänzlich „entnaturalisiert“ – sprich seine biologische Natürlichkeit und Vorbestimmtheit, wird ihm zur Gänze abgesprochen. Egal welche Größe oder Körperbau – alles kann uns soll in das Korsett 90-60-90 gezwängt werden.

Durch die übergroße Anzahl an Beauty- und Diätprodukten, Fitnessgeräten, Schönheitschirurgie und anderen Selbstoptimierungsmaßnahmen erscheint der ideale Körper als jederzeit für jeden und jede erreichbar. Wer es also nicht schafft dem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen, hat sich nicht genug angestrengt, nicht alles gegeben uns ist quasi selber schuld.

Wer spricht hier?

Neben den üblichen Verdächtigen (Nahrungsmittel-, Schönheitsindustrie, etc.) gibt es aber auch eine andere Vielzahl an Akteur_innen, die den Diskurs mitbestimmen und prägen. So haben auch die Pharmaindustrie samt Mediziner_innen ein (ökonomisches) Interesse an der Pathologisierung des „Dick-Seins“. Durch das Spiel mit Statistiken und medizinischen Mess- und Grenzwerten wird exakt festgelegt, wer zu dick, zu breit, zu groß oder zu klein ist. Gemessen wird das an einer vorher willkürlich (?) definierten Norm (Stichwort: Body-Mass-Index).

Chirurgische Eingriffe, ärztlich verschriebene Fasten- und Heilkuren oder gar medizinische Präparate sollen „dicken Menschen“ aka Patient_innen beim Abnehmen unterstützen. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass es sich hierbei nicht ausschließlich um adipöse (also schwer übergewichtige) Menschen handelt, sondern dass bereits Personen mit einem etwas zu hohem BMI diesen „medizinischen“ Maßnahmen unterzogen werden. Aber auch Teile der politischen Eliten beeinflussen den Diskurs rund um den „idealen Körper“ und das „Dick-Sein“.

Fat is not a feeling!

Natürlich darf bei all diesen getätigten Ausführungen nicht vergessen werden, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen starkem Übergewicht und gesundheitlichen Problemen gibt – allerdings liegt hier die Betonung ganz klar auf „starkem“ Übergewicht. Jedoch kann es nicht sein, dass unsere Gesellschaft ein unrealistisches Idealbild propagiert, das für viele einfach unerreichbar ist. Sich selbst nie wirklich im eigenen Körper wohlfühlen zu können, sich stets mit anderen vergleichen zu müssen und der (innerliche) Zwang einer gesellschaftlichen Norm entsprechen zu müssen, zerstört viele Menschen innerlich und verunmöglicht es ihnen, eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper aufzubauen. Fat is not a Feeling! Dennoch steigt die Anzahl der Essstörrungen unter jungen Menschen – Frauen sowie Männer. Bereits mit zwölf, dreizehn Jahren werden erste Diäten gemacht oder über Schönheitsoperationen oder andere kosmetische Eingriffe nachgedacht.

6. Mai ist Internationaler Anti-Diät Tag

Der Anti-Diät Tag wurde erstmals von der britischen Aktivistin und Buchautorin Mary Evans Young am 6. Mai 1992 ins Leben gerufen. Die von einer Anorexie geheilte Mary Evans Young dir Anti-Diäten-Kampagne „Diet Breakers“.

Laut den Initiator_innen gehört zu den Zielen des Anti-Diät-Tags:

  • die Würdigung der Vielfalt von natürlichen Größen- und Gewichtsunterschieden
  • das kritische Hinterfragen von Schönheitsidealen
  • Aktionen gegen die Diskriminierung von Übergewichtigen und Fettsüchtigen
  • Aufklärungsarbeit bezüglich der Gesundheitsgefahren von Diäten und der
  • Ineffizienz kommerzieller Diäten und Diätprodukte
  • das Aufzeigen eines Zusammenhangs zwischen Diäten und Gewalt gegen Frauen*
  • Gedenken der Opfer der Adipositaschirurgie

Dieser Tag soll ein internationales Zeichen gegen den Schönheitswahn setzen. Besonders in den Industriestaaten erkranken immer mehr Frauen und Mädchen an Essstörungen und schämen sich für ihren Körper. Es wird Zeit, dass wir uns wieder in unseren Körpern wohlfühlen und einem Ideal, das von der Gesellschaft und den Medien konstruiert wird, nach zu eifern.